Nachdem ich, zufällig gerade unterwegs in Deutschland, diese Rundfunksendung gehört hab, versuchte ich den Inhalt auch via WEB nachzulesen:

[DeutschlandRadio Berlin] [Deutschlandfunk]

Politisches Feuilleton

1.6.2001 / 7.20

Hans Günther Bastian

Musizieren macht intelligent.

Instrumente in die Schulen!

Es chipt und piept allerorten durchs Land: Computer, aller Länder vereinigt euch, dringt in die Schulen ein, auf daá die virtuellen Spatzen es von den Schuldächern pfeifen:
Schüler, ans Gerät, ans elektronische natürlich, surft durch die Welt, chattet um die Wette, auf dass ihr aus der sozialen Vereinsamung herauskommt und einander in den intergalaktischen Marktplätzen unseres Universums begegnet!

Jeder Schüler verfügt über seinen PC. Weg mit der Green-Card, alle Probleme sind beseitigt. Welch schöne, neue Welt. Leider aber, so steht zu vermuten, eine Welt, die so, wie sie ausgedacht war, im Reich des Phantasus bleibt. Denn der PC als Allheilmittel gegen Vereinsamung, Isolierung, Kontaktschwierigkeiten, mangelnde soziale Kompetenz, auch Gewalt und Aggression - der Nachweis dafür wäre erst noch zu erbringen. Also gehen auch wir ans Gerät, diejenigen, die sich der Musikforschung und ihrer Wirkung verschrieben haben. Freilich ans musikalische Gerät, ans Instrument, und fordern mit demselben Recht: 'Ein Musikinstrument für jeden Schüler'. Wir setzen auf den musizierenden jungen Menschen, dessen Sprache kein Handbuch braucht und dennoch überall in der Welt zu verstehen ist.

Man braucht kein Pessimist zu sein, um in dieser Zeit kritische Fragen zu stellen. Das von Kindern spielend beherrschte 'Internet' macht die Welt zu einem vernetzten Dorf, vielleicht auch zum 'globalen Doof'. Wann nämlich war je eine Gesellschaft - trotz oder gerade wegen PC, Laptop, Internet und Handylitis - so uneins darüber, worauf sie sich noch verständigen kann? Wie steht es um die soziale Kompetenz, um die emotionale Intelligenz der Generation@?

Amerikanische Kulturkritiker sprechen gar vom Verlust des Denkens durch den Einzug des Computers in die Kinderzimmer und Schulen aufgrund eines digitalisierten Denkens. 'Naives Staunen' müsse erzeugt werden als Ausgleich für den heimlichen Lehrplan des Datenverarbeitungsmodells. Musiker wissen, dass diese Kunst des kindlichen Staunens und des Sichwunderns in den kreativen Spielräumen der Musik erlebt werden kann. So gesehen muá in der Schule die Versinnlichung zu ihrem Recht kommen, neben der Verhirnlichung. Denn das Denken kommt immer erst durch die Schulung der Sinne in Gang. Wie sonst?

Keine Frage: Unsere Schulen dürfen sich einer zweiten technischen Alphabetisierung nicht verweigern, doch sie sollten keinesfalls das eine tun und das andere dafür lassen. Damit sind die Künste gemeint, insbesondere die Musik an den allgemeinbildenden Schulen. Denn dafür gibt es gute Gründe, wie aktuelle Forschungsergebnisse in Musikpädagogik und Medizin (Abteilung Hirnforschung) belegen. Harte empirische Daten weisen nach, dass Musik und Musizieren eine signifikante Verbesserung der sozialen Kompetenz, eine Steigerung der Lern- und Leistungsmotivation, einen IQ-Zugewinn, eine Kompensation von Konzentrationsschwächen, eine Verbesserung der emotionalen Integration, eine Minderung von Angsterleben und überdurchschnittlich gute schulische Leistungen in den Hauptfächern trotz zeitlicher Mehrbelastung durch die Musik bewirken.

Was soviel heißt: Musizieren fordert und fördert gerade jene von Wirtschaft und Industrie favorisierten Persönlichkeitsmerkmale: z. B. Teamfähigkeit im Ensemble musizieren, emotionale Stabilität im Podiumstreß, Gewissenhaftigkeit beim Spielen, Kreativität bei der Interpretation eines Werkes. Wenn ein Musiker (so der Geiger Jascha Heifetz) 'die Nerven eines spanischen Stierkämpfers, die Konzentration eines buddhistischen Mönchs und die Vitalität einer Pariser Nachtclubbesitzerin' braucht, dann wird die Musik diese Eigenschaften bei jedem Musizierenden mehr oder weniger ausprägen, und sie werden ihm über die Musik hinaus von Vorteil sein.

Die Wirkmacht der Musik ist groß, zur Not kann sie anderen sogar den Marsch blasen. Bleibt zu fragen, wie lange sich zu viele Kultuspolitiker noch taub stellen und die musikalische Bildung als ungeliebtes Stiefkind behandeln, obwohl die Vorteile sichtbar auf der Hand liegen. Im Grunde müßten die Politiker selbst, schon aus Eigeninteresse, aufhorchen, wenn sich herausstellt: Musik fördert die Intelligenz und Gesellschaftsfähigkeit.

Künste sind geradezu prädestiniert, das Auseinanderdriften von maschineller Rationalität und menschlicher Emotionalität im PC-generierten Zeitalter aufzuhalten oder gar zu verhindern. Daher der Appell an die Bundesregierung, für Laptops weniger 'auszugeben' und dafür auch in Instrumente zu 'investieren'. Wir freuen uns einstweilen auf das parallele Bildungsprogramm mit der leicht veränderten, aber hoffnungsfrohen Schlagzeile: 'Für jeden Schüler ein Musikinstrument'.

Hans Günther Bastian: Hans Günther Bastian ist Professor für Musikwissenschaften an der Universität Frankfurt/Main

Von dieser Sendung können Sie einen Cassettenmitschnitt bestellen. Senden Sie einen Verrechnungsscheck über DM 20,-
an:
DeutschlandRadio Marketing GmbH
Raderberggürtel 40
50968 Köln