Ferdinand Landskron
KENNEN SIE
TOTZENBACH?
EIN RUNDGANG DURCHS DORF
UND SEINE GESCHICHTE
Verein der Freunde Totzenbachs
 
Wenn Sie unser Dorf von früher kennen, werden Sie sehen, daß sich die Dorfgemeinschaft bemüht hat, es noch schöner und in jeder Weise einladender zu machen. Sollten Sie aber Totzenbach noch nicht kennen, sind wir überzeugt, Sie werden es lieb gewinnen, denn Totzenbach ist ein idyllisches Dorf. Es ist leicht erreichbar. Mit dem Auto nicht weiter als eine gute halbe Stunde von Wien und eine Viertelstunde von St. Pölten entfernt und doch frei von jedem Durchzugsverkehr. Wenn Sie die Stille hören wollen, besuchen Sie uns wochentags. Stellen Sie ihren Wagen auf dem Parkplatz bei der Kirche ab. Um Totzenbach zu erleben, muß man zu Fuß gehen. Es ist ein Dorf, wo noch jeder jeden grüßt, wo man sich Zeit nimmt, mit dem Nachbarn und auch mit dem Besucher ein paar freundliche Worte zu wechseln.
Da steht die mächtige Pfarrkirche. Erstaunlich groß ist sie für so einen kleinen Ort und eine der wenigen gotischen Hallenkirchen Niederösterreichs, die allen Stilrichtungen späterer Jahrhunderte zum Trotz unverändert geblieben ist. Der Erbauer der Kirche und Gründer der Pfarre war niemand geringerer als Hans von Totzenbach, der Hofmeister der Herzogin Katharina, der Ehefrau Rudolf IV., einer Tochter Kaiser Karls IV. Hans von Totzenbach war kein kleiner Landadeliger, er war eine bedeutende Persönlichkeit am Wiener Hof. Die Maße der Kirche und die Steinmetzzeichen darin lassen durchaus den Schluß zu, daß sie von Bauleuten der Wiener Dombauhütte errichtet worden ist. Ein Kirchenführer, der im Vorraum der Kirche aufliegt, berichtet ausführlich über das wechselvolle Schicksal dieser Kirche.
Nicht zu übersehen ist die Kaiser-Franz-Josef-Jubiläums-Volksschule. Nur sieben Monate nach dem ersten Spatenstich begann der erste Unterricht. Damals mußte die Gemeinde Totzenbach die Schulumlage drastisch erhöhen, um die Kredite so schnell es eben ging, abzuzahlen. Sie hat schon im Jahre 1898 die modernste Schule mit hohen, hellen Klassenzimmern gebaut, zu einer Zeit, in der noch fast alle Häuser im Dorf mit Stroh gedeckt waren. Damals hatten nur das Schloß, die Kirche und die Wohngebäude der reichsten Bauern ein Holzschindeldach. Die Schule ist ein Denkmal für den Weitblick und den Leistungswillen der Totzenbacher des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Rechter Hand sehen wir eine große Wiese, die im Laufe der Zeit schon viele Aufgaben zu erfüllen hatte. Als es noch keine Gefriertruhen gab, wurden drei große Becken mit dem Wasser des Hoadgrabenbaches gefüllt. Im Sommer dienten die seichten Teiche als Kinderfreibad, im Winter wurde Eis gewonnen und ganze Wagenladungen davon im nahen Totzenbachkeller gelagert.
Vor einigen Jahren wurden die Teiche eingeebnet und eine große Wiese angelegt. Eine Reihe von drei Tage dauernden Festen wurde hier schon gefeiert. Ein großes Bierzelt und viel Musik gab es jedesmal. In den Buden und Zelten rund um die Wiese zeigten viele Handwerker ihre Künste: Tischler, Schmiede, Töpfer, Bäcker, Münzer und Wachszieher. Hühner und Ochsen wurden am Spieß gebraten und so manche schmackhafte Spezialität aus den verschiedenen Zeitepochen wurde den Gästen angeboten. Immer agierten die Dorfbewohner in allen möglichen Kostümen; einmal als Ritter und Türken ebenso wie in der Mode der Jahrhundertwende je nachdem, was es gerade zu feiern gab.
Ein paar Schritte die Schulallee abwärts steht das Schloß Totzenbach. Mit seinem Wassergraben und der Wehrmauer wirkt es von diesem Standpunkt aus eher abweisend auf den Besucher. Das war nicht immer so, denn gerade an der Stelle, an der ein kleiner Turm die Schloßmauer malerisch unterbricht, befand sich die Zugbrücke für die Fußgänger. Fast 50 Jahre lang benützten sie die Schulkinder, als im Südtrakt des Schlosses die Schule untergebracht war. Heute gelangt man über eine breite Bohlenbrücke in den geräumigen Schloßhof. In seiner Mitte stand einst die mittelalterliche Burg der Herren von Totzenbach..
Der Burgherr Job Hartmann von Trauttmansdorff ließ 1588/89 das Renaissanceschloß kurzerhand rund um die Burg der alten Totzenbacher erbauen. Als ,einer Erzlöblichen Landtschaft Österreich unter der Enns obrister commihsar über deroselben geworbenes Kriegs Volkh zu Roß und Fueß" muß er wohl über beträchtliche Einkünfte verfügt haben. Doch konnte er sich nicht lange seines Besitzes erfreuen. Als gefürchteter Gegner der Türken fiel er am 20. August 1596 beim Sturm auf die Veste Hatvan, 20 km nördlich von Budapest. Der berühmteste Schloßherr war Maximilian Graf von Trauttmansdorff: Er setzt 1619 die Krönung Ferdinands II. zum Deutschen Kaiser durch. 1635 schließt er im Auftrag des Kaisers den Frieden zu Prag. Es gelingt seinem diplomatischen Geschick, den protestantischen Kurfürsten von Sachsen von den Schweden zu trennen und zu einem Freund des Kaisers zu machen. Trauttmansdorff ist einer der ersten, die das hochverräterische Doppelspiel des kaiserlichen Generalissimus Wallenstein durchschauen. Er wird vom Kaiser mit den Untersuchungen gegen Wallenstein beauftragt. An Wallensteins Ermordung in Eger war Maximilian von Trauttmansdorff jedoch nicht beteiligt.
Vier Jahre lang verhandelt er als kaiserlicher Prinzipalkommissarius zäh und verbissen mit den Vertretern Frankreichs und Schwedens und hat wesentlichen Anteil am Zustandekommen des Westfälischen Friedens, der den 30-jährigen Krieg beendet.
Irgendwann nach 1672 fiel die mittelalterliche Burg Totzenbach der Spitzhacke zum Opfer und so entstand der geräumige Schloßhof. In trockenen Sommern zeichnen sich die mittelalterlichen Mauerzüge in der Rasendecke des Schloßhofes deutlich ab. Nur wenige Schloßherren aus dem Geschlecht der Trauttmansdorff haben das Wasserschloß Totzenbach bewohnt. Sie bekleideten meist hohe Stellungen im Heer und in der Verwaltung der Monarchie und wurden für ihre Verdienste am 12. Jänner 1805 in den Reichsfürstenstand erhoben. Die Rechte und Pflichten der Herrschaft Totzenbach nahmen Verwalter wahr, die in der Ausübung ihrer Macht ziemlich freie Hand hatten.
Es gab damals dreierlei Machtbereiche: die Grundherrschaft bestimmte sehr weitgehend das Leben ihrer Untertanen. Im Schloß wurden Verträge, Verlassenschaften und Hofübergaben ausgehandelt. Wollte ein Dorfbewohner etwa heiraten oder eine Hypothek aufnehmen, mußte er gleichfalls im Schloß bittstellig werden. Der Herrschaftsverwalter überwachte durch seine Beamten die Eintreibung der Steuern, die Ableistung der Robot, verwaltete das Vermögen der Waisen und die "Löbliche Kirchenkassa", und war daher für die Instandhaltung der Pfarrkirche verantwortlich. Die Schulerhaltung und die Lehrerbesoldung gehörten ebenso zu den Pflichten der Grundherrschaft wie die Armenfürsorge.
Bei der Ausübung der Ortsobrigkeit (Polizeigewalt und niedrige Gerichtsbarkeit) standen dem Herrschaftsverwalter der Dorfrichter und die vier Geschworenen zur Seite. Dabei ging es unter anderem um Erhaltung von Ruhe und Ordnung, den Feuerschutz, die Reinhaltung der Gewässer, die Überwachung von Maß und Gewicht, Preis und Lohn und um das Meldewesen.
Schließlich und endlich mußte Totzenbach als Konskriptionsobrigkeit noch die Aushebung der Rekruten durchführen. Zog Militär durch, war für Bereitstellung von Vorspann, Reitpferden, Schlachtvieh, sowie Heu und Stroh zu sorgen. All diese vielfältigen Aufgaben waren nicht nur in Totzenbach und Böheimkirchen, sondern in etwa 30 Dörfern, Rotten, Weilern und Einzelhöfen in der Umgebung zu erfüllen.
Als Maria Theresia verfügte, daß alle Häuser Konskriptionsnummern bekommen müßten, erhielt Schloß Totzenbach natürlich Nummer Eins.
Geht man ein paar Schritte von der Schloßbrücke weg, so steht man unvermittelt unter der Kaisereiche. 1908 wurde sie zur Erinnerung an das 60-jährige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs I gepflanzt. Am Heranwachsen der Kinder und der Bäume kann der Mensch am besten ermessen, wie die Zeit vergeht.
Der Platz zwischen Fleischhauerei und Gasthaus ist altehrwürdig: es ist der ehemalige Gerichts- und Festplatz. Bis 1969 war er mit einer Doppelreihe alter Linden bestanden und gegen den Hausberg hin mit einer Mauer abgeschlossen. Rechts hinter dem Gasthaus steht noch heute das Haus Nr. 2. Es hat in seinen Räumen gotische Gewölbe und ist wohl das älteste Haus in Totzenbach. Seine Mauern haben den Türkensturm am 15. Juli 1683, an dem Dorf und Kirche in Flammen aufgingen, überstanden. Es war der herrschaftliche Meierhof. Hier hatten die Dorfleute ihre Steuern und Abgaben zu entrichten. Hier amtierte der "Moar". Er kannte alle Leute im Dorf, er wußte am besten wie man sie behandelte und seine Aufgabe war es auch, sich die Klagen über die hohen Steuern und die harte Robot anzuhören. Dafür war er abgabenfrei.
Eine Kammer im Meierhof diente als Alterssitz für im Herrschaftsdienst ergraute Untertanen. Während im Schloß Verwalter, Pächter, Gegenschreiber und Grundbuchsführer hausten, genossen im Meierhof Pfleger, Schweizer, Revierjäger und ein gewester Schullehrer ihren wohlverdienten Ruhestand. Wohnte vor 300 Jahren ein "Scherfanger" - also ein Wühlmausjäger dort, so diente das Haus nach der Bauernbefreiung von 1848 unter anderem einem k.u.k. Landbriefträger als Behausung. Die Steuern kassierte nun das Finanzamt, also konnte die Herrschaft den ehemaligen Meierhof als Wohnung vermieten. Gleich vor dem Meierhof das Haus Nr. 3, das Gasthaus von Totzenbach. Schon im Jahre 1751 wird in der Dominical-Fassion von dem "Pann-Schankh-Nutzen" vermerkt, das nach dem Mittel der 10-jährigen Ertragnuß 59 Gulden und 57 Kreuzer an Steuern zu entrichten sei. Die Grundentlastungs-Bezirkskommission bezeichnet dieses Schankrecht ebenfalls als ein "Dominikales" also herrschaftliches. Am 6. Mai 1853 bestätigt die k.u.k. Grundentlastungsfonds-Direktion den aufrechten Fortbestand des gutsherrlichen, ganzjährigen Schankrechtes. Bis 31. März 1932 wird das Gasthaus ununterbrochen verpachtet, dann erst wird das Schankrecht der Gutsherrschaft in der Landtafel gelöscht. Der Betrieb darf verkauft werden.
Im Oktober 1972 hat man unter dem Küchenboden in 90 cm Tiefe einen Fluchtgang entdeckt, in dem man sich auf allen Vieren fortbewegen konnte. Er führte in Richtung Hausberg und war 50 cm hoch und 60 cm breit. Sogar einen Trauttmansdorffschen Wappenstein hat man darin gefunden. Er wurde geborgen und wird heute in der Schule aufbewahrt.
Etwa hundert Schritte in Richtung Paltram zweigt linker Hand eine Stichstraße in den Steingraben ab. Es wird erzählt, daß in früheren Zeiten dort eine geräumige Höhle war, die eines Tages unerwartet einstürzte. Das ,,Ingedenkh-Protocoll" der Herrschaft Totzenbach berichtet darüber: "am 9. Juni 1749 um 9 Uhr vormittag ist bey einem ganz hellen und Wündstillen Tag ein Erdbeben gewesen, so einen Vater Unser lang gedauert und hier wie anderen Orten große Erschitterung gemacht. Fünf Wochen vorher ist der Staingraben eingegangen so vielleicht ein Unvermuethe Erdenerschitterung verursacht haben derfte".
Rechter Hand ist ein breiter Erddamm zu sehen, der sich bis zum Totzenbach hin erstreckt. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich rechts das "Tavernteichtl", also einen Teich bis zum Gasthaus zurückweichend vorzustellen. Die Herrschaft Totzenbach besaß eine ganze Reihe von Teichen, die teils als Fischteiche, teils im Winter der Eisgewinnung dienten. Alle zusammen aber waren sie eine willkommene Energiereserve für den Betrieb der Hofmüh1e im Haus Nr. 5.
1699 - 1896 sind in den Matriken dort ansässige Müller nachzuweisen, doch ist der ehemals herrschaftliche Mühlenbetrieb wesentlich älter. 1886 wird der Betrieb eingestellt und 1888 das oberschlächtige Mühlrad abgetragen Die Dampfkraft ist jederzeit einsatzbereit, damit werden auch alle Teiche als Energiereserve überflüssig, sie werden abgelassen. Der nährstoffreiche Teichgrund wird bester Ackerboden. Aus der Mühle wurde eine Bäckerei, deren Brot und Gebäck wohl das beste weit und breit war. Manche Hausfrau trauert den Erzeugnissen des Meisters heute noch nach.
Haus Nr. 7 ist ebenerdig und schmiegt sich in eine Bodensenke am Ufer des Totzenbaches als wäre es bestrebt, dem Besucher möglichst wenig aufzufallen. Dabei könnte diese Hof statt viel erzählen. Als Halblehenbehausung stand den Bewohnern wenig Grund von der Herrschaft zur Verfügung. Sie mußten sich daher um einen Nebenverdienst umsehen. Die Weberei war in unserer Gegend als Nebenbeschäftigung verbreitet, um das begehrte Bargeld ins Haus zu bringen. Es war üblich, das Rohmaterial von der Fabrik oder von einem Bauern abzuholen und die verarbeitete Faser, die heute wieder so begehrte Handwebe, zu liefern. Die Pfarrmatriken geben natürlich keinen Aufschluß darüber, für wen die Weber von Totzenbach gearbeitet haben. Die Einführung des mechanischen Webstuhls bedeutete jedenfalls für die Heimweber den endgültigen Ruin. Nun blieben noch zwei Möglichkeiten, um zu überleben: im Taglohn bei einem größeren Bauern zu arbeiten oder die Heimat aufzugeben und in die Fabrik zu gehen. Pendeln war bei den damaligen Verkehrsverhältnissen undenkbar.
Zweimal brannte das Haus nieder. Einmal durch Funkenflug und einmal durch Brandlegung. Daß auf dieser Hofstatt heute wieder ein Haus steht, ist ein Beweis mehr für den Fleiß und die Zähigkeit unseres Bauernschlages. Nur wer die Augen offen hält, merkt, daß er auf seinem Weiterweg den Totzenbach auf einer richtigen Steinbrücke überschreitet. Ein schmaler Weg führt durch einen alten Obstgarten, den noch ein Hag, ein lebender Zaun aus Hainbuchen begrenzt. Früher ließ man das Hag ein paar Meter hoch wachsen und verflocht die jungen Zweige sorgfältig ineinander. So entstand eine lebende, undurchdringliche Schutzwand, die früher das ganze Dorf rundherum einschloß. Die Dorfeingänge waren mit schweren, eisenbeschlagenen Holzgattern zu sperren. So war der Ort vor allem gegen Reiterangriffe gut geschützt. Die feindlichen Reiter konnten unmöglich das Hag durchbrechen, die Verteidiger aber waren sehr wohl imstande mit ihren umgeschmiedeten Sensen und den sogenannten Roßschindern durch die verfilzten Äste hindurch, einem Reiter gefährlich zu werden.
Ein paar Schritte, eine Stichstraße bergauf, treffen wir genau an jener Stelle auf die Dorfstraße, an der vor langer Zeit das sogenannte Halterhaus stand. Heute Haus Nr. 8. Freilich "Halter" sagte man nur im Volksmund. Es gab eine genaue Rangordnung vom Hüterbuben, dem Lämmer- und dem Schafknecht, bis hinauf zum Schafmeister. Auch nach der Tiergattung gab es Rangunterschiede: so galt ein Roßhirt am meisten, ein Kuhhirt schon weniger und die Gänsehirtin am wenigsten. Die Hirten bildeten wie andere Handwerker auch eine eigene Zunft und hatten ein ausgesprochenes Standesbewußtsein. Selten heirateten Außenstehende in Hirtenfamilien ein. Die Witwen und Waisen wurden genau wie arbeitsunfähig gewordene Hirten aus der Bruderlade unterstützt. Hirten hatten ihre eigene Bruderschaftsfahne und konnten ihren besonderen Platz in der Fronleichnamsprozession beanspruchen. Es war ihr gutes Recht, dabei die Peitsche oder den Ringstock, die Zeichen ihres Standes zu tragen. Der Zunftmeister des Viertels ober dem Wienerwald hatte im nahen Böheimkirchen seinen Sitz.
Hirte, Heilkunst und Hexerei sind jahrhundertelang untrennbar gewesen. Manche ihrer Heilpraktiken leben im Aberglauben weiter, einzelne Pflanzenextrakte haben sogar in die moderne Medizin Eingang gefunden wie etwa das Digitalis, ein Wirkstoff des Fingerhutes, der vielen Herzkranken das Leben erleichtert. Wie vieles Althergebrachte ist auch die Zunft der Hirten der neuen Zeit so schnell zum Opfer gefallen, daß unsere Kenntnis um das geheime Wissen, um Recht und Brauch der Hirten nur bruchstückhaft geblieben ist.
Das Haus Nr. 10 fällt durch seine "Greden" auf wie man bei uns zur sogenannten Längslaube sagt. In manchen Gegenden ist auch der Ausdruck "Tretten" gebräuchlich. Die Greden ist der gedeckte Gang, der von runden oder eckigen Säulen getragen wird, durch den man aus den Wohnräumen kommend, Ställe, Futterkammer und alle Arbeitsstätten des Bauernhauses erreichen kann, ohne bei Regen durchnäßt zu werden. Denn der Lehmboden eines Bauernhofes ist bei Regenwetter bald unpassierbar.
Das vorgezogene Dach hat noch andere Vorteile: Der Dachboden ist breiter und bietet mehr Raum zum Einlagern von Heu und Stroh. Im Sommer verhindert das weit vorstehende Dach eine zu starke Sonneneinstrahlung, die Wohnungen bleiben dadurch angenehm kühl. Im Winter dagegen kann die tiefstehende Sonne ungehindert in die Wohnräume scheinen und sie ein wenig aufheizen. Während eines Sommergewitters kann man auf der Greden sitzend die kühle Luft genießen, ohne naß zu werden.
In größeren Höfen sind die Säulen der Greden kunstvoll gestaltet, eine Erinnerung an eine Zeit vorzüglicher Maurer-Volkskunst. Die Greden ist der schönste Teil des Bauernhauses und gibt ihm Würde und Behaglichkeit. Das Nebenhaus Nr. 11 ist mindestens ebenso bemerkenswert. Es war die Dorfschmiede. 1591 wird sie indirekt urkundlich genannt, denn damals gehörte zum Besitzstand der Herrschaft Totzenbach ein "Teuchtl an der Schmitten" - also ein Teich an der Schmiede gelegen. Aus den Pfarrmatriken ist zu entnehmen, daß, von einer kurzen Unterbrechung abgesehen, 250 Jahre lang in diesem Hause nur Schmiede lebten. Sie beschlugen die Pferde und besserten die herrschaftlichen Wagen aus. Im "Lohnwerk", versteht sich, was soviel heißt, daß ihnen der Arbeitslohn gleich auf ihre Steuern und Abgaben angerechnet wurde. Waren die Steuern bezahlt, durften sie für jede weitere Arbeitsleistung Geld verlangen und blieben den Rest des Jahres ungeschoren.
Freilich, reich geworden ist damals kein Schmied, denn die Bauern zahlten, von den größeren abgesehen, meist in Naturalien. Wenn ein Bauer sogar dazu zu arm war, dann nahm der Schmied das Kerbholz zur Hand. Es bestand aus zwei gleich großen Holzstäbchen deren eines dem Gläubiger das andere aber dem Schuldner gehörte. Jedesmal, wenn eine neue Schuld zu notieren war, wurden sie genau aneinandergelegt und in Gegenwart beider Partner gemeinschaftlich eingekerbt. War dies geschehen, so hing der Schmied sein Kerbholz an die Wand und der Bauer nahm das seine mit nach Hause. Ein Schwindel war nicht möglich. Konnte der Bauer auf seinem Kerbholz keine Kerbe löschen, so hätte es dem unredlichen Handwerker gar nichts genützt, heimlich eine Kerbe mehr zu seinen Gunsten einzukratzen, denn die hätte ja auf dem Stück, das der Schuldner bei sich daheim hatte, gefehlt und der Betrug wäre schon beim nächsten Vergleich der Kerbhölzer aufgeflogen.
Unsere Sprache hat die Erinnerung an diese verblüffend einfache "Buchführung" mit dem Kerbholz bewahrt. Wir sagen ja von jemandem, der viel Schuld auf sich geladen hat, er hätte so manches auf dem Kerbholz.
Durch die Vollmechanisierung der Landwirtschaft verschwanden die Zugtiere, damit stehen in NÖ 50.000 Hektar mehr für die menschliche Ernährung zur Verfügung. Sicherlich ein gewaltiger Fortschritt. Für den Huf- und Wagenschmied im Dorf bedeutete dies aber das Ende.
Die Dorfstraße steigt leicht an. Da, wo sie ihren höchsten Punkt erreicht, stand vor langer Zeit das Haus des herrschaftlichen Fischmeisters. Die Straße teilt sich nun. Linker Hand liegt der Totzenbachkeller. Darin wurde das auf dem Schloßteich und den Eisteichen gewonnene Eis vom Winter bis tief in den nächsten Herbst hinein aufbewahrt. Damals waren die Eisschränke innen mit Zinkblech ausgeschlagen. Um diesen Innenraum herum wurde das Eis gelagert. Der Raum zwischen den Doppelwänden war mit Wolle, Spreu oder Häcksel ausgefüllt, um den Eisbehälter vor der Außentemperatur zu schützen. Bei einem Kühlraum von 250 Litern, der rundum mit einem Eisbehälter für 16 kg Eis umschlossen war, betrug der Eisverbrauch während eines sechsmonatigen Betriebes 1.750 kg. Um leichtverderbliche Lebensmittel in einem Geschäft den ganzen Sommer über frisch zu halten, waren ganze Wagenladungen Eis erforderlich.
Bevor wir auf der linken Straße den Ausgangspunkt erreichen, fällt rechter Hand das stattliche Haus Nr. 19 auf. Es ist sozusagen das "Geburtshaus" der FF Totzenbach und wird mit viel Liebe, großem Sachaufwand und nicht geringen Geldmitteln revitalisiert. Nach einem alten Bild erhielt sogar der Torbogen seine ursprüngliche Form zurück. Es ist ein Musterbeispiel für vorbildliche Ortsbildpflege. Mit dieser Leistung wurde wieder ein Teil des idyllischen Ortskerns erhalten. Doppelt wertvoll, weil das Haus mit dem revitalisierten Schloß die Festwiese stilvoll umrahmt.
In der Straßenbiegung fällt das Haus Nr. 23 auf, ein Haus mit einer reichen Geschichte. Auch hier wurde das Ortsbild vorbildlich erhalten, obwohl das Haus mit dem modernsten Komfort ausgestattet ist. Wieder ein Beweis dafür, daß das Wohnen auch in einem sehr alten Haus durchaus nicht einen Verlust des heutigen Lebensstandards bedeuten muß. Nebenan das Haus Nr. 24, im Volksmund "die Fiakervilla" genannt, weil sie ein Fuhrwerksunternehmer aus Wien erbauen ließ. Es ist ein schönes Beispiel für den Baustil der Jahrhundertwende.
Gegenüber das Haus Nr. 35. Es ist ein altehrwürdiger Bau, der schon mehr als zwei Jahrhunderte gesehen hat. 1784 als Pfarrhof erbaut, diente es 1790 bis 1825 als Schule. Natürlich ist schon hundert Jahre früher ein "ludi magister", ein Schullehrer, in den Pfarrmatriken nachweisbar, aber das Haus Nr. 35 ist die erste Schule von Totzenbach, deren Standort wir kennen. Seit 1863 bestand darin ein Kaufmannsgeschäft bis seine letzten Besitzer in den wohlverdienten Ruhestand traten und das Geschäft für immer geschlossen wurde.
Im Weitergehen erreicht man den Ausgangspunkt, den Kirchenplatz. Ehe Sie aber Totzenbach verlassen, sollten Sie noch einen Blick auf das große Gemeinschaftshaus werfen. Es wurde 1987 von der Dorfgemeinschaft errichtet, die sich damit selbst ein Denkmal gesetzt hat. Jeder im Dorf, ob jung ob alt, hat Anteil an diesem Werk. Im Erdgeschoß sind die Einsatzfahrzeuge der FF Totzenbach untergebracht. Und selbst, wenn es ans letzte Abschiednehmen geht, ist durch eine Aufbahrungshalle für einen würdigen Rahmen gesorgt. Das Obergeschoß mit einem großen Festsaal steht für Vorträge, Feiern oder als Schulungsraum allen Vereinigungen und Bevölkerungsgruppen zur Verfügung.
Wir hoffen, daß Sie nicht das letzte Mal in Totzenbach gewesen sind. Um ein Dorf wirklich zu kennen, muß man es zu allen Jahreszeiten gesehen haben. Im Frühling, wenn die alten Birnbäume der Schulallee blühen, im Sommer, wenn der Wind durch die Getreidefelder weht, im Herbst, wenn der Hausbergwald in allen Farben leuchtet und erst recht im Winter, wenn der Schnee bei jedem Schritt knirscht und der Rauhreif jeden Zweig verzaubert.

Planskizze, vom Autor gezeichnet:

BISHER SIND ERSCHIENEN:
Heft 1: Der Verein stellt sich vor, 1971
Heft 2: WIE UNSERE VORFAHREN LEBTEN, 1972 Gedanken zur Urgeschichte unserer Gegend von Dr. Gertrude Landskron
Heft 3: WIE ES MIT UNSEREN VORFAHREN WEITERGING, 1973 2. wesentlich erweiterte Auflage 1980 von Dr. Gertrude Landskron
Heft 4: KALENDERBLÄTTER, 1974 Totzenbach 1374 von Ferdinand Landskron
Heft 5: GESCHICHTE UND GESCHICHTEN, 1976 Totzenbach 1360 - 1532 von Ferdinand Landskron
Heft 6: GLAUBENSSPALTUNG - BAUERNAUFSTAND, 1977 1517 - 1650 von Ferdinand Landskron
Heft 7: SIE KOMMEN MIT BOGEN UND KRUMMSCHWERT, 1978 Türkenzeit 1650 - 1699 von Ferdinand Landskron
Heft 8: VON HALTERN, HEILKUNST UND HEXEREI, 1979 Vernunft und Unvernunft in der Barockzeit 1692 - 1740 von Ferdinand Landskron
Heft 9: ALLES FÜR DAS VOLK, NICHTS DURCH DAS VOLK, 1979 Maria Theresia und Josef II., 1740-90 von Ferdinand Landskron
Heft 10: VERTRAUTE, VERSCHWORENE, VERRÄTER UND ANDERE LEUTE, 1980 1789 - 1815 von Ferdinand Landskron
Heft 11: WIE WAR ES WIRKLICH?, 1982 1815 - 1858 von Ferdinand Landskron
Heft 12: VON DER BAUERNFAUST ZUR BAUERNKAMMER, 1983 von Ferdinand Landskron
Heft 13: KENNEN SIE TOTZENBACH?, 1989 Ein Rundgang durchs Dorf und seine Geschichte von Ferdinand Landskron

Es ist geplant, diese Reihe fortzusetzen.

ALTE UND NEUE DORFBILDER, Ein heimatliches Lese- und Bilderbuch von Ferdinand und Gertrude Landskron 1985
DIE PFARRKIRCHE ZU TOTZENBACH Ein Kirchenführer, Sonderheft zur Beendigung der Innenrenovierung 1981/82 von Dr. G. und F. Landskron
HEIMATBUCH VON TOTZENBACH, 1974 von Dr. Rudolf Büttner

Impressum: Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Verein der Freunde Totzenbachs, 3062 Kirchstetten Für den Inhalt verantwortlich: Ferdinand Landskron, 3062 Kirchstetten Gestaltung: Friedrich Steinbrecher, 3062 Kirchstetten Vervielfältigung: Schreibbüro Staudinger, 3150 Wilhelmsburg