Anton Gößwein verstarb am 19. Juli 2004 im 81. Lebensjahr.

Irgendwie empfinde ich es fast als meine Pflicht, diesem beispielgebenden Mann dieses kleine Denkmal zu setzen. Ich hatte das Glück, mehr als 25 Jahre seine nähere Bekanntschaft machen zu dürfen und lernte ihn so näher kennen und damit auch entsprechend schätzen. Schon in meinen Kindertagen war er mir natürlich ein Begriff - seine kräftige Baß-Stimme war jahrzehntelang sozusagen das Markenzeichen des Totzenbacher Kirchenchores - und die aufrechte, damals vollbärtige Erscheinung war entsprechend respekteinflößend. Aus dieser Zeit ist mir noch sehr gut in Erinnerung, daß er im Winter täglich seine Kinder mit dem Auto zum Bahnhof brachte, was damals insoferne eine Besonderheit war, als es im Dorf noch sehr wenig Autos gab. Manchmal hatte auch ich das Glück, mitgenommen zu werden - meistens waren die Plätze aber schon vorher vergeben.

Seine Fürsorge für die Familie ist eine der Eigenschaften, für die er zu bewundern ist! 1949 heiratete er seine "Kathi" und ab 1950 gab es dann laufend reichen Kindersegen. Die Ausbildung der insgesamt 7 Töchter und des Sohnes war ihm wichtig und kostete einen erheblich Teil des Familieneinkommens. Als das aus der Landwirtschaft nicht mehr zu erwirtschaften war, scheute er es nicht, Arbeiter zu werden und er lernte diese Welt seit 1960 kennen, diese Erfahrung trug sicher auch zu seiner beispielhaften Toleranz bei.

1924 wurde er als jüngster von drei Brüdern am vorderen Ödhof geboren, als schwaches und recht kränkliches Kind war er nicht als Hoferbe vorgesehen. Diese Tatsache kam aber auch seinen Interessen sehr entgegen, schon im Volksschulalter interessierte er sich für seine Umgebung, besonders natürlich die gerade entstehende Technik und Mechanisierung, aber auch für diverse künstlerische Ziele. Ein gebildeter Sommerfrischler - damals wurden üblicherweise als Nebeneinkommen während des Sommers die "guten" Räume vermietet - empfahl, den Buben studieren zu lassen. In der damaligen Zeit war das natürlich so gut wie unmöglich.

Wenige Wochen nach seiner Geburt erschütterte ein spektakulärer Unfall die junge Familie mit den 3 Kindern: Der Vater verunglückte durch einen Stromschlag tödlich - mit ihm auch Knecht und Hund, welche helfen wollten. Die junge Bauersfrau stand alleine da und führte die Wirtschaft so recht und schlecht mit dem Gesinde weiter. Nach wenigen Jahren heiratete sie dann den Bruder ihres Mannes - so blieb der Name erhalten und die 3 Söhne hatten einen Stiefvater, mit dem sie sehr gut auskamen! Der Unfall war aber nicht der letzte Schicksalsschlag für die Mutter: Ein Sohn fiel im Krieg, der zweite kam totkrank zurück und mußte bis zu seinem Ableben 1952 gepflegt werden. Jetzt mußte Anton, der jüngste doch einspringen und Haus und Hof erhalten! Diese und viele andere Pflichterfüllungen prägten das Leben des Anton Gößwein. Aber man merkte es ihm nicht an - eine tiefe Zufriedenheit strahlte förmlich aus seiner Person und auch etliche negative Erfahrungen in und mit Gremien der Kommunalpolitik verbitterten ihn nicht - er zog sich eben von dort zurück um mit 50 Jahren noch einmal Musikschüler in Gitarre zu werden!

Durch viel Hausmusik und Instrumentalunterricht aller Kinder schuf er die Grundlagen für den heutigen Bestand des Totzenbacher Kirchenchores, der Musikschule, wesentliche Bereicherungen des Domchores St.Pölten - beispielsweise die Gründung und bisher mehr als 20-jährige Leitung des höchst qualitativen Volksliedensembles obliegt seiner Tochter Notburga.

Anton Gößwein war Zeit seines Lebens vielseitig interessiert und künstlerisch sehr begabt. Leider gibt es nur sehr wenige Werke, seine karge Freizeit erlaubte kaum die Ausübung seines zeichnerischen Talents. Eine Probe dieses Talents gibt es aber sogar im Internet zu besichtigen: Seine Zeichnung der Fuchsberger Kapelle (http://www.totzenbach.at/fuchsberg/fuchse.htm), welche er Rosa Ziegelwagner zu deren 80er anfertigte. Auch sein technisches Talent und Interesse war sehr ausgeprägt und selbst im Pensionsalter begann er noch die Beschäftigung mit Videokamera, CD-Walkman und ähnlichen Dingen, welche sonst 70-jährige eher in Schrecken versetzen. Sogar in jüngster Zeit am Krankenbett kaufte er noch ein Diktiergerät um einige seiner Erlebnisse aufzuzeichnen. Das Überliefern seiner Erfahrungen war ihm ein großes Anliegen! Oft erzählte er im Kreis der Familie von früheren Zeiten und meist von heiteren Erlebnissen und Gegebenheiten. Sein Erzählstil war ausgesprochen lebendig und unterhaltsam - oft kam es auch vor, daß er mitten in einer dieser Geschichten wieder an ein anderes Erlebnis erinnert wurde uns so wurde die Erzählung oft in ein Rahmengeflecht gekleidet - fast orientalisch und an tausend und eine Nacht erinnernd. Seit vielen Jahren und solange er noch die Kraft dazu hatte, schrieb er fast mit Besessenheit sein Tagebuch - diesen Schatz eines erfüllten Lebens gilt es eines Tages zu heben!

Anton Gößwein war ein sehr gewinnender und kontaktfreudiger Mensch, er wurde mit allen sehr schnell "z'red", wie wir sagen. Das war auch unter angespannteren Verhältnissen so, wie beispielsweise als Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter in Frankreich. Nur 3 Monate war er bei Familie Paul Schmitt im Elsaß und doch hält die dort entstandene Freundschaft bis über seinen Tod! Die Familie Schmitt reiste sogar zum Begräbnis nach Totzenbach! Dieses Begräbnis am 28. Juli war eine würdige und ergreifende Feier! Etwa 300 Personen nahmen Abschied und konnten einen Kirchenchor in seltener Stärke erleben. Selbstverständlich waren alle Sänger, die nur irgendwie konnten zu diesem traurigen Ereignis gekommen. Das Musikprogramm hatte der Verstorbene noch selbst zusammengestellt und kurz vor seinem Tod noch der Familie aufgetragen, sein Lieblingslied "Ich geh durch einen grasgrünen Wald" zu singen. Zu bewundern waren die Töchter und Enkelinnen der Familie, als sie diesem Auftrag am offenen Grab nachkamen - ich wäre dazu nicht fähig gewesen. So wurde er im Familiengrab beigesetzt - als direkten Nachbar hat er einen anderen großen Totzenbacher - Ferdinand Kortan, welchen er noch persönlich kannte und welcher möglicherweise für das große musikalische Interesse verantwortlich war.

Wir werden Anton Gößwein in unserer Erinnerung behalten und sein musikalisches Aufbauwerk fortsetzen. Sein, von außerordentlicher Toleranz, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit - um nur wenige seiner Eigenschaften zu nennen - geprägtes Leben sollte uns Vorbild sein!

In Dankbarkeit, Leo Rollenitz
(Schwiegersohn)