Nachruf auf Dr. Gertrude Landskron

Am Stefanitag, dem 26. Dezember 2001 sangen wir vom Totzenbacher Kirchenchor in schon traditioneller Weise die Weihnachtsmesse im Clementinum. Als wir nachher unsere liebe Freundin und Gönnerin in Ihrem Zimmer besuchen wollten, war dort gerade ziemlicher Aufruhr, man hatte nach dem Arzt geschickt und es ging ihr sehr schlecht. Wir gesellten uns inzwischen zu den anderen Chormitgliedern, die Anstaltsleitung hatte uns - wie das auch schon Tradition ist, zu einer kleinen Stärkung eingeladen. Kurz darauf kam die Stationsschwester mit der traurigen Nachricht, daß Frau Dr. Landskron soeben verstorben war. Ziemlich genau um 10 Uhr hat sie unsere Welt verlassen und ist ihrem geliebten Gatten Ferdinand nach fast genau 4 Jahren nachgefolgt.

Die Totzenbacher Dorfgemeinschaft erleidet mit dem Tod von Dr. Gertrude Landskron einen schmerzlichen Verlust! Ihre freundliche und rührige Persönlichkeit. ihr unermüdlicher Schaffensdrang und Einsatz für das Dorf und für soziale Ziele wird uns sehr fehlen.

Gertrude Landskron wurde am 8. November 1912 als Lehrerstochter in Wien Erdberg geboren, ihre Eltern waren zu diesem Zeitpunkt schon überdurchschnittlich alt und wir können uns vorstellen, daß sie schon in jungen Jahren, während und am Ende des ersten Weltkrieges Hunger und viele Entbehrungen miterlebt hatte. Gerade in den Wiener Vorstädten war diese Zeit wohl sehr viel schwerer zu meistern als beispielsweise im damaligen Bauerndorf Totzenbach. Nach der Matura studierte sie Anthropologie und promovierte über ein volkskundliches Thema einer exotischen Kultur. Schon während dem Studium arbeitete sie - meist unentgeltlich - am Wiener Völkerkundemuseum mit und sie mußte, wie so viele Geisteswissenschaftler feststellen, daß ein ihrer Ausbildung entsprechender Beruf nicht zu erhoffen war. So trat sie 1936 in die Landeshypothekenanstalt für Niederösterreich ein und diente sich dort von der Schalterbeamtin aus hoch. Natürlich wurde in dieser Verwendung der akademische Grad nicht anerkannt aber das konnte ihr Interesse für die Wissenschaften nicht beeinträchtigen und zeitlebens hat sie ihre Ausbildung und die organisatorischen Fähigkeiten eingesetzt um bei den verschiedensten Projekten meist in führender Position mitzuwirken.

Später lerne sie in der Anstalt auch ihren zukünftigen Gatten, Ferdinand Landskron kennen und diese Partnerschaft trug reiche Früchte, die später besondere wir Totzenbacher ernten konnten.

Nachdem dem Paar keine Kinder beschieden waren, der Umgang mit Menschen und besonders jungen ein großes Anliegen für beide war, konnten sie einer Anzahl von "Wahlkinden" viele Erfahrungen und schöne Stunden mitgeben. Das Haus Landskron war immer offen für die Nöte und Gedanken junger Freunde, die auf diesem Wege immer Hilfe bei ihrer Persönlichkeitsfindung hatten. Man stand fast Tag und Nacht zur Verfügung, viele Stunden wurden auch mit dem Hobby der Fotografie verbracht.

Die Mutter des Gatten kam für ihre letzten Jahre ins Clementinum und so begann die für Totzenbach glückliche Epoche der Wahlheimat dieses für uns so wertvollen Paares. Nach einer schweren Herzkrankheit und der Frühpensionierung des Gatten wurde der Wohnsitz 1965 dann endgültig nach Totzenbach verlegt und durch mache gemeinsame Interessen kam auch ich zu dem großen Glück, sehr oft Gast im Hause Landskron zu sein. Ich glaube, sagen zu dürfen, daß auch für die Landskrons die Totzenbacher Zeit als glückliche Epoche zu sehen ist, sie fühlten sich hier sehr wohl und hatten auf Grund ihres gewinnenden und hilfsbereiten Wesens sehr schnell Kontakt zu den Dorfleuten.

Als 1971 der Verein der Freunde Totzenbachs gegründet war, fand Gertrude Landskron ein reiches Betätigungsfeld für ihre Talente und nach meinem ersten zaghaften Versuch ein Mitteilungsblatt des Vereins herauszugeben, wurde diese Publikation sofort zur geschichtlichen Weiterbildung der Ortsbevölkerung benutzt. Schon 1972 erschien im 2. Heft unter dem Titel "Wie unsere Vorfahren lebten" ein vielbeachteter Beitrag zum Thema der Urgeschichte in unserer Gegend. Dieses Heft wurde dann 1980 stark erweitert neu aufgelegt. In der Folge kam "Wie es mit unseren Vorfahren weiterging" und dann erwachte die Idee, diese weiterbildende Information in leicht lesbare Geschichten, wie die Menschen früher im Dorf gelebt haben, zu verpacken. Die nächsten Aktivitäten waren das "Heimatbuch von Totzenbach", welches schon 1974 - zum 600. Jubiläum der Pfarrgründung erschien. Durch den Schalterdienst in der Hypo-Filiale Herrengasse kannte Frau Landskron fast alle einflußreichen Kultur-Beamten und Wissenschaftler für den Raum Niederösterreich und so konnten damals die besten Fachleute für dieses Vorhaben gewonnen werden.

Es war dies eine sehr schöne Zeit der intensiven Zusammenarbeit und ich hatte das große Glück, für all diese Publikationen als Herausgeber mitarbeiten zu dürfen. Bei den noch heute sehr begehrten, aber leider längst vergriffenen Folgebänden wie "Totzenbacher Kalenderblätter 1374", "Wie war es wirklich?", "Sie kamen mit Krummschwert und Bogen", "Von der Bauernfaust zu Bauernkammer" - ich möchte nicht alle aufzählen, jedenfalls sind insgesamt 12 Bände in dieser Reihe erschienen, verbrachten wir gemeinsam viele Stunden mit der Gestaltung und auch der Verteilung, welche uns wieder viele Freunde und Gönner einbrachte.

Zurück zum Jahr 1974: Zur Pfarrgründung wurden das ganze Jahr verschiedene Feste unter diesem Motto gefeiert und eine Höhepunkt war damals sicher das "liturgische Ballett" des Schlierbacher Ensembles in der Pfarrkirche, welches zu dieser Zeit nicht ganz einfach zu organisieren gewesen war.

Als ihr Gatte Ferdinand diese enorme Schaffenskraft und die auch von den höchsten wissenschaftlichen Instanzen des Landes sehr beachtete Ideen der "Geschichte in Geschichten" entwickelte, war sie es, die im Hintergrund die Recherchen durchführte, Manuskripte mitgestalten half, sie selbst ins Reine schrieb und dem Autor die organisatorische Last abnahm. Ihre eigenen Arbeiten stellte sie zurück und ging voll für ihren Gatten auf.

Diese Tätigkeit und das überaus positive Echo ließen ein Totzenbacher Dorfbewußsein wachsen und dieses gipfelte dann 1980 zum ersten Mal in der Veranstaltung eines großen Festes zur 800 jährigen Erstnennung von Totzenbach in der Urkunde der Kirchstettner Pfarrgründung - ein Ritterfest, an dem das ganze Dorf kostümiert mitwirkte. Ideen, Werbung, organisatorische Vorbereitung, das alles war ein großes Anliegen für Frau Landskron. Die außerordentlich erfolgreiche Geschichte dieses und der zwei weiterer großer Dorffeste möge anderorts nachgelesen werden - auf jeden Fall - ohne die Landskrons hätte es diese für das Dorf sowohl in finanzieller, als auch in gemeinschaftsbildender Hinsicht so erfolgreiche Veranstaltungen sicher nicht gegeben.

1981 gab es den ersten großen Adventmarkt in der für Renovierungsarbeiten geschlossenen Pfarrkirche. Schon mehr als ein Jahr vorher wurden die verschiedensten Bastelarbeiten, Schnäpse usw. vorbereitet, später kamen dann noch Backwaren dazu. Um diese Zeit waren die Dörfer und Städte bei weitem noch nicht so übersät mit dieser Art von Veranstaltungen und wir hatten damit einen sehr großen Erfolg. 1989 wurde zur Orgelrenovierung der zweite große Adventmarkt im ganzen Dorf unter dem Motto "Totzenbach - ein Dorf im Advent" abgehalten.

Mit den eingenommenen Beträgen konnten beispielsweise eine Verkabelung des Ortskerns (schon 1982), die Kirchenrenovierung, die Erweiterung des Feuerwehrhauses zum heutigen Gemeinschaftshaus und viele kleinere Vorhaben verwirklicht werden. 1986 wurde das letzte große Fest "Totzenbach - so wars einmal" veranstaltet und gleichzeitig erschienen die "Alten und neuen Dorfbilder", ein Fotoband, der seither viele Freunde gefunden hat.

Nach diesen Anstrengungen widmete man sich im Hause Landskron wieder der Fotografie und naturwissenschaflicher Themen. Aber natürlich hatte auch das immer wieder Auswirkungen auf Veranstaltungen, so sei die besonders eindrucksvolle Ausstellung von Makrophotos über das Leben im Totzenbacher Schloßteich erinnert. Immer wieder wurden auch historische Themen von Frau Landskron verlangt, sei es der Kirchenführer oder die Festschrift zur Einweihung der Kapelle in Waasen oder 100 Jahre Volksschule Totzenbach, 1000 Jahre Böheimkirchen, 1000 Jahre Lengenbacher, 90 Jahre Krankenpflegeanstalt Bruckhof und so weiter. Auch kamen Ideen, die zur Zeit ihrer Entstehung noch utopisch erschienen, beispielsweise ein eigenes kleines Heimatmuseum für Totzenbach - es ist aber für den Weitblick bezeichnend, daß Jahre später auch diese Idee verwirklicht werden konnte und das Totzenbacher Dorfmuseum "Danglhaus" noch zu Lebzeiten eingerichtet werden konnte. Heute sind sogar die Möbel in der Stube genau die aus dem Hause Landskron, wo - auf zum Teil recht unbequemen Sesseln - eben diese Ideen entstanden sind.

Als der Gatte im Jänner 1998, etwas mehr als ein Jahr nach seiner Bypass-Operation verstarb, kam wohl die schwerste Zeit für sie. Noch fast ein halbes Jahr wohnte sie allein in ihrer Wohnung im geliebten "24-er Haus" bis dann die Übersiedlung ins Clementinum für die immerhin schon 86 jährige notwendig wurde. Aber auch hier, nach kurzer Eingewöhnung, erwachte wieder die alte Energie und es wurden neben verschiedenen anderen Aktivitäten eine Fotoausstellung organisiert. Auch etliche der vorstehend angeführten Beiträge zu Festschriften sowie sehr interessante Aufzeichnungen der selbst erlebten österreichischen Geschichte, beispielsweise über das Schicksalsjahr 1934 und vieles über das Leben in der Zwischenkriegszeit entstanden noch im Krankenzimmer, welches auch für uns immer wieder zur Oase des Gedankenaustausches wurde. Viele Pfleglinge hatten in ihr einen starken Anwalt, wenn es zu kleinen Zwistigkeiten des so engen und eintönigen Lebens im Heim kam.

Bis zuletzt war die geistige Frische der fast 90 jährigen erstaunlich, und sie hatte auch da noch viel Verständnis für die Probleme der Jugend und mit den Angestellten und Pflegern einen sehr herzliche Kontakt. Sie fühlte sich sehr gut aufgehoben und war - wie schon während es ganzen Lebens in Totzenbach in vielfältiger Weise karitativ tätig.

Dr. Gertrude Landskron, die "Tante" vieler dankbarer Wahlkinder wird uns allen sehr fehlen und wir wollen versuchen, das Besondere, welches sie aus dem einstmals verschlafenen Dorf Totzenbach gemacht hatte, weiter zu erhalten. Das dazu notwendige Bewußtsein wird mit ihr nicht sterben und so wird ein Teil von ihr und ihrem Gatten weiterleben.

In Dankbarkeit, Leo Rollenitz